Radiustraining

Rubrik: Jagdverhalten managen

Für einen Hund ist es nicht unbedingt selbstverständlich, einen gewissen Radius um seinen Menschen herum einzuhalten. Viele Jagdhunde-Rassen wurden dafür gezüchtet in großer Entfernung selbstständig und ohne bzw. mit wenig Interaktion mit dem Menschen zu arbeiten.

Radiustraining
Radiustraining  - © Jennifer Lang

Was ist das Ziel des Radiustrainings?

  • Dein Hund hält im Freilauf einen gewissen Radius um dich herum ein und ist dadurch stetig in deinem Einwirkungsbereich.
  • Dein Hund lernt, sich an der Schleppleine bewusst zu bewegen und springt nicht mit voller Geschwindigkeit hinein. Er kann die Länge für seinen nötigen Freiraum nutzen ohne ständig einen unangenehmen Ruck am Leinenende zu erfahren.
  • Du kannst deinen Hund mit leisen Signalen bremsen und steuern. Das ist besonders hilfreich, wenn es steil bergab geht, im Winter bei Glatteis, oder in allen Situationen, in denen Achtsamkeit wichtig ist.

Voraussetzungen

Auslastung

Als ersten Schritt musst du dir überlegen, wie du dem Bewegungsbedürfnis deines Hundes gerecht werden kannst. Sonst wird das Training zu keinem Erfolg führen. Dein Hund wird nur kooperieren, wenn er sinnvoll ausgelastet (nicht überlastet!) ist. Dafür solltest du dir folgende Fragen stellen:

  • Wieviel Stunden geht ihr pro Tag gewöhnlich spazieren?
  • Wieviel Prozent davon online und offline, d. h. an der Leine und frei?
  • Wie oft hat dein Hund die Möglichkeit, seine individuellen Bedürfnisse auszuleben?

Ein Jagdhund im besten Alter braucht 2 bis maximal 3 Stunden Bewegung pro Tag. Auch die individuellen Bedürfnisse, wie Sprinten oder Nasenarbeit sollten regelmäßig erfüllt werden.

Selbst eine 10 m lange Schleppleine ist für einen Hund qualitativ etwas völlig anderes, als sich frei bewegen zu können. Solltest du deinen Hund gar nicht ableinen können, brauchst du dringend ein eingezäuntes Gelände, wie z. B. einen großen Garten oder Hundeplatz, ein Firmengelände oder Sportgelände, etc. Sei bitte kreativ und frage überall nach!
Alternativ kann man ein Gebiet, wo es kein Wild gibt, zum „Freizeitgebiet“ ernennen. Im Freizeitgebiet darf der Hund machen was er möchte – keine Angst, es entsteht ein ortsgebundenes Lernen und dein Hund lernt dabei nicht, dass alle Strecken zum „Freizeitgebiet“ gehören!
Diverse kontrollierte Suchspiele auf bestimmten Flächen sind zusätzlich eine gute Alternative, deinen Hund sinnvoll geistig auszulasten.

Stress

Wenn es im Leben deines Hundes Stressoren – also Faktoren, die Stress auslösen – gibt, müssen diese erst beseitigt werden. Da dieses Thema höchst umfangreich ist, möchte ich dir folgendes Buch empfehlen: Stress bei Hunden von Martina Scholz und Clarissa v. Reinhardt.
Bedenke bitte, dass ein übersteigertes Jagdverhalten oder ein sehr hektisches Verhalten draußen häufig Zeichen für allgemeinen Stress sein können. Ein gestresster Hund lernt nur sehr eingeschränkt, weshalb es sich durchaus lohnt, sich mit diesem Thema zu befassen.

Gesundheit

Schmerzen, Krankheiten und vor allem unsichtbare Veränderungen der Schilddrüse sind sehr häufig Verursacher von unerwünschtem Verhalten und hindern deinen Hund am Lernen. Das Problem ist, dass die Anzeichen oft sehr subtil sind und selbst von erfahrenen Hundehaltern nicht immer gleich erkannt werden. Im Zweifel solltest du einen großen Check beim Tierarzt machen.

Radiustraining aufbauen
Grundsätzlich ist das Radiustraining nur ein Baustein der Ausbildung. Weitere Trainingsinhalte wie Orientierung- und Rückruftraining, etc. sind ebenso wichtige Voraussetzungen, um einen entspannten sowie kontrollierten Spaziergang zu gewährleisten!

Und so geht’s:
Du benötigst ein gut-sitzendes Brustgeschirr sowie eine circa 10 m lange Schleppleine. Außerdem empfehle ich Fahrrad- oder Reithandschuhe, damit deine Hände geschont bleiben. Befestige eine lange Leine aufgrund der großen Verletzungsgefahr niemals am Halsband!

  1. Beim Trainingsspaziergang wird der Hund jedes Mal, kurz BEVOR er an das Leinenende gelangt, gestoppt. Dafür verwendest du immer dasselbe Signal, wie zum Beispiel: „Langsam“, „Achtung“, „Ende“, oder „Slow“.

Wenn dein Hund ein solches Signal noch nicht kennt, wird er in die Leine rennen und kommt zunächst nicht weiter. Erst wenn sich dein Hund aktiv umdreht, kommt sofort dein verbales Lobwort (oder alternativ der Clicker) und es geht weiter. Das Weitergehen ist in diesem Fall in der Regel die Belohnung. Du kannst nach dem Lobwort auch gerne eine Futterbelohnung geben.
Die Futterbelohnung sollte nur für richtiges Verhalten erfolgen. Verwende sie nur, wenn dein Hund das Futter auch wirklich als Belohnung empfindet – vielleicht ist es ihm viel wichtiger, weiter zu laufen. Gib Leckerlis nicht immer, wenn dein Hund erst in die Leine läuft und sich dann umwendet. Es könnte sonst sehr schnell eine Handlungskette entstehen und dein Hund lernt genau dieses Muster.

Dein Timing ist von größter Bedeutung. Wenn du dir nicht ganz sicher bist, lass dich gerne von einer befreundeten Person beobachten oder filmen oder arbeite mit einem Trainer zusammen!

    2. Nach einigen Wiederholungen lernt dein Hund das Signal mit dem Leinenende und den damit verbundenen Konsequenzen zu verbinden.

Er lernt, dass er das Nicht-Weiterkommen umgehen kann, indem er auf das Signal hin langsamer wird. Sobald dein Hund dieses Verhalten zeigt, hat er es verstanden. Im Idealfall brauchst du dein Signal an der Leine immer seltener, weil dein Hund von sich aus langsamer wird oder beiläufig stehen bleibt. Manche Hunde fangen an Gras zu fressen, nehmen Blickkontakt auf oder zeigen ähnliches situatives Verhalten. ACHTUNG: Diesen Moment verpassen ganz viele Halter. Dabei ist das der wichtigste Punkt, weil dein Hund das Radiustraining verstanden hat.

Das freiwillig gezeigte Verhalten muss unbedingt verstärkt und belohnt werden!

Schleppleine abbauen
Zeigt dein Hund den Radius zuverlässig an, kannst du die Leine weglassen. Wenn dein Hund gerne jagen geht oder weitere Probleme, wie Angst oder Aggressionen hat, ist natürlich weiteres Training nötig! Wenn du dich beim Gedanken, die Leine wegzulassen, emotional überfordert fühlst und einen Kontrollverlust empfindest, kannst du die Schleppleine schrittweise abbauen:
Du kannst die Schleppleine schleifen lassen oder nach und nach gegen dünnere und leichtere Leinen tauschen, wie beispielsweise eine Wäscheleine, eine Paketschnur oder ähnliches. Vergiss bitte die Handschuhe nicht, damit du dich im Fall eines Falles nicht verletzt. Alternativ kannst du die Schleppleine gegen eine kürzere schleppende Leine tauschen.

Bitte bedenke, dass ein Hund, der mit schleppender Leine wegläuft, in Lebensgefahr kommen kann. Manche Hunde verheddern sich so sehr in einem Baum, dass sie sich nicht mehr befreien können. Wird ein solcher Hund nicht gefunden, bedeutet das in der Regel ein grausames Ende. Ein GPS-Gerät gibt Sicherheit. Leine deinen Hund zunächst nur sequenziell ab, das heißt am Anfang nur für 5 Minuten. Diese Dauer steigerst du nach und nach auf 25 Minuten. Achte immer auf deine Tagesverfassung und auf die Stimmung deines Hundes. Übe das Weglassen der Leine nur, wenn du dich damit auch 100% wohlfühlst.

Vertraue deinem Hund – glaube an ihn!

TIPPS:

  • Ableinversuche sollten erstmal in wildarmen Gebieten stattfinden.
  • Das Gebiet sollte gut überschaubar sein.
  • Achte auf deine Atmung und vertraue deinem Hund -> Stimmungsübertragung
  • Lass die Leine dran, wenn du an einem Tag kein gutes Gefühl oder den Kopf nicht frei hast.
  • Lernen erfolgt immer in Kurven – lass dich von schlechten Einheiten nicht entmutigen.
  • Das Training ist nicht nur für dich, sondern auch für deinen Hund sehr anstrengend. Übe lieber in kurzen Einheiten!
  • Trainiere anfangs nur 30 Minuten und steigere die Dauer langsam. Alternativen können die bereits genannten Möglichkeiten zur Auslastung sein oder du wechselst zum Beispiel auf eine andere Leine oder ein anderes Geschirr als Zeichen für das Trainingsende.

Hält ein Tief einmal länger an, überprüfe unbedingt weitere Ursachen, wie z.B. Veränderungen im Alltag, Schmerzen, Krankheit (Schilddrüse!), etc. Siehe Voraussetzungen!
Führe ein Trainingstagebuch, damit du immer weißt, wo ihr steht. Mögliche Veränderungen lassen sich besser einordnen.

Autorin: Jennifer Lang / Hundeschule Hundeimpressionen