Der perfekte Rückruf

Ein zuverlässiger Rückruf gehört zu den wichtigsten Basiskommandos für einen entspannten Freilauf. Er ist ein elementarer Bestandteil, um Jagdverhalten managen zu können. Generell zählt der perfekte Abruf zu den Hauptwünschen von Hundehaltern.
Allerdings gibt es einige Herausforderungen, um dieses Ziel zu erreichen, weshalb man im Zweifel professionelle Hilfe in Anspruch nehmen sollte, um typischen Fehlerquellen zu entgehen.

Rückruftraining
Rückruftraining - © Jennifer Lang

Besonders mit dem Eintritt in die Pubertät wird der Rückruf häufig zu einer Herausforderung. Der Radius des Hundes wird größer und auch die ersten ungewollten Jagdausflüge fallen in diese Phase. Die Hunde machen die Erfahrung, dass es Spaß macht, sich weiter entfernt von ihrem Halter aufzuhalten. Und der Halter inklusive dessen Rückruf werden schnell zur Ankündigung für die Beendigung des Spaßes und Freilaufs. Nun macht sich nach und nach ein Leidensdruck bemerkbar, da die Hunde mit den Wiederholungen schnell gelernt haben, dass sie den Rückruf auch getrost ignorieren können.

Natürlich wünschen sich auch Halter, die einen Hund neu adoptiert haben, einen sicheren Rückruf, um ihrem Familienmitglied (nach ausreichender Eingewöhnung) mehr Freiheit gewähren zu können und selbst Sicherheit zu erfahren.
Das größte Problem ist, dass bei vielen Hund-Mensch-Teams nie darauf geachtet wurde, dass der Spaziergang eine gemeinsame Aktivität ist. Und sich häufende Erfahrungswerte führen bei den Hunden oft dazu, dass ihr Mensch draußen nicht unbedingt die zentralste Rolle spielt.

Der Weg zum perfekten Abruf ist gekennzeichnet durch vier wichtige Säulen:

  1. 1. Ein Hund, der sich zuverlässig abrufen lässt, orientiert sich allgemein sehr gerne an seinem Menschen und ist gerne in seiner Nähe. Er hat also die Erfahrung gemacht, dass sein Mensch ihm ein gutes Gefühl in Form von Sicherheit, Spaß, Entspannung usw. gibt. Er behält darum auch unterwegs eine gewisse Nähe zu seinem Menschen bei und sucht proaktiv immer wieder Kontakt zu ihm.
  2. Ein abrufbarer Hund lässt sich von Reizen umlenken. Er hat also gelernt, auch bei Dingen, die er spannend findet, auf seinen Menschen zu hören und sich von den Reizen abzuwenden. Er fühlt und weiß, dass es Sinn macht, sich auch dann seinem Menschen zuzuwenden, wenn an anderer Stelle eine attraktive Ablenkung lockt. Dies können andere Menschen oder Hunde sein, aber auch eine tolle Schnüffelstelle oder Mäuselöcher.
  3. Ein Hund, der sich abrufen lässt, hat gelernt, ganz bis zu seinem Menschen heranzukommen. Er fühlt sich nah bei seinem Menschen wohl und weiß, dass es sich lohnt dort zu verweilen: vielleicht wird er gleich wieder ins freie Spiel entlassen oder bekommt eine andere hochwertige, bedürfnisorientierte Belohnung.
  4. Und der Hund weiß, was genau er tun soll, wenn er beim Menschen angekommen ist. Die Endhandlung beim Rückruf ist genau definiert und der Hund weiß, was seine Aufgabe ist, wenn er beim Menschen ankommt. So kommt es zu keinen Schwierigkeiten in der Umsetzung und Missverständnisse zwischen Mensch und Hund werden vermieden.

Damit der Rückruf sicher klappt, müssen alle diese vier Säulen erfüllt sein. Ist auch nur eine Säule nicht erreicht, wird der Rückruf unsicher.
DIE HÄUFIGSTEN FEHLER BEIM RÜCKRUFTRAINING:

  1. Es wird erst etwas getan, nachdem der Hund bereits „Nicht-Kommen“ mit Spaß assoziiert hat. (Also zu spät!)
  2. Welpen-Fehlglaube: Durch den altersbedingten Folgetrieb des Welpen glauben viele Hundebesitzer, ihr Hund beherrsche den Rückruf schon.
  3. Durch große Freiheiten erlebt der Hund Wohlbefinden und Freude in größerer Distanz zum Halter.
  4. Die Halter haben Angst vor dem Ableinen: Der Welpe und Junghund wird dauerhaft an der Leine geführt. Ein Abruftraining wird auf später verschoben.
  5. Das Abrufsignal ist nicht in einem Training mit dem Herankommen verknüpft worden: Der Hund weiß also gar nicht, was er tun soll, wenn er das Signal bekommt.
  6. Mangel an Definition: Das Ziel für den Rückruf ist sowohl für den Menschen als auch für den Hund unklar.
  7. Es kommt zu einer Vermengung verschiedener Abrufsignale mit unterschiedlichen Bedeutungen, z.B. „Komm“ für das Herkommen, Mitkommen oder sich von etwas entfernen; „Hier“ für das Rankommen oder nahe beim Menschen laufen usw.
  8. Intonationsfehler beim Rufen. Das Signal im Training klingt anders als im Ernstfall: Das „Hier“ wird bei Sichtung eines Rehs zu einem Hinweis „Da ist ein Reh“, während im Training eine andere, entspannte Stimmlage benutzt wird.
  9. Hund und Mensch haben eine unterschiedliche Wahrnehmung. Dies kann dazu führen, dass der Hund glaubt (nach seiner Definition), dass er schon da sei, der Mensch den Abstand aber noch als zu groß empfindet.
  10. Das Rückrufsignal wird bedeutungslos bzw. bekommt für den Hund bei wiederholtem Einsatz nur noch die Information, wo sich sein Mensch jetzt gerade aufhält.
  11. Der Hund wird bei guter Leistung zu gering verstärkt: Der Hund wird gar nicht oder falsch belohnt.
  12. Die geplante Verstärkung ist in Wirklichkeit eine Strafe, z.B. Über-den-Kopf-Streicheln.
  13. Es wurden Distanzstrafen (z.B. Elektrohalsband, Sprühhalsband) angewendet und auch noch falsch eingesetzt. Somit kam es in der Folge zu Fehlverknüpfungen.
  14. Für den Hund hat es unangenehme Folgen, wenn er kommt: Er wird z.B. gerufen, nachdem der Halter den durchwühlten Müllsack in der Wohnung gefunden hat und wird dann beim Kommen bestraft/ausgeschimpft.
  15. Für den Hund ist der Spaß vorbei, wenn er zum Halter kommt: Z.B. wird er an kurzer Leine weitergeführt, wenn er sich von anderen Hunden hat abrufen lassen.
  16. An konkurrierenden Motivationen (Wild, andere Hunde, usw.) wird nicht separat trainiert.
  17. Bei ängstlichen Hunden wird nicht zuvor die Angst vor dem (eigenen) Menschen genommen.

Autorin: Jennifer Lang / Hundeschule Hundeimpressionen